Hausarrest in Ex-Colonia Dignidad? Schwere Anschuldigungen von Bewohnern

Update: Kurz nach der Veröffentlichung dieses Blogartikels erklärte Friedhelm Zeitner gegenüber La Tercera, die Vorwürfe seien “Verleumdungen”, “niemand ist eingesperrt.” Die Kripo ermittelt. Vollständiges Update am Ende des Artikels.

Die malerische Landschaft der Colonia Dignidad kontrastiert mit den Gewalttaten des Paul Schäfer
Versteckt am Fuß der Anden: Die malerische Landschaft der Colonia Dignidad kontrastiert mit den Gewalttaten des Paul Schäfer / Foto: Johannes Hausen

Folter, Missbrauch, Zwangsarbeit: Die Schatten der Vergangenheit liegen noch tief über dem “Bayerischen Dorf” in Chile. Jetzt werden auf dem Gelände der ehemaligen deutschen Sekte Colonia Dignidad angeblich gerade wieder Menschen ihrer Freiheit beraubt.    

Wie die chilenische Tageszeitung La Tercera berichtet, habe ein ehemaliger Leibwächter des verstorbenen Sektenführers Paul Schäfer den Bewohnern eine Ausgangssperre verordnet. Niemand dürfe das Gelände verlassen oder betreten, für Kinder bestünde strikter Hausarrest. Begründung: Corona.

“Ich habe große Angst, was dieser Typ mit den Leuten anstellen wird”

Der Mann heißt Friedhelm Zeitner und ist ein früherer Vertrauter Schäfers. Er hatte dem pädophilen Sektenchef in den 1990ern zur Flucht vor den Behörden verholfen. “Ich habe große Angst, was dieser Typ mit den Leuten anstellen wird”, zitiert La Tercera einen ehemaligen Bewohner der Kolonie namens Eduardo Salvo.

Auch der Name Maria Schnellenkamp fällt in dem Artikel. Sie wurde zu Sektenzeiten in der Kolonie als Tochter von Schäfers Komplize Kurt Schnellenkamp geboren. Wie Zeitner ist sie bis heute geblieben und arbeitet als Krankenschwester. Beide sollen gemeinsam die illegale Ausgangssperre beschlossen und per WhatsApp verkündet haben.

Eingangsschild zur Villa Baviera mit chilenischer und deutscher Flagge
Die Einfahrt zur Villa Baviera / Foto: Johannes Hausen

Rechtsanwalt Winfried Hempel hat gegen die Freiheitsberaubung beim Berufungsgericht Talca bereits eine präventive Beschwerde eingereicht. Auch Hempel wuchs in der Sekte auf, verließ die Kolonie aber kurz nach Schäfers Flucht. Mit einem sogenannten recurso de amparo versucht er die Grundrechte seiner ehemaligen Siedlungsnachbarn zu verteidigen.

Die Amparoklage ist eine Besonderheit des lateinamerikanischen Rechts und greift, wenn keine anderweitigen Rechtsbehelfe zur Verfügung stehen. In dem Schreiben spricht Hempel von der “fragilen und traumatisierten Psyche” der Bewohner. Das Berufungsgericht hat die Zulässigkeit der Beschwerde bereits bestätigt.

Im Versammlungssaal der Colonia Dignidad verprügelte Sektenführer Schäfer die Kinder vor versammelter Mannschaft
Deutsche Spießigkeit im Versammlungssaal der Kolonie. Paul Schäfer verprügelte die Sektenmitglieder gerne vor versammelter Gemeinde / Foto: Johannes Hausen

Hempel kämpft seit Jahren unermüdlich für eine Aufarbeitung der Gräueltaten und eine Entschädigung der Opfer der Colonia Dignidad. Sie leben zum Teil noch immer auf dem Gelände. Zu ihnen zählt Horst Schaffrick. Jahrelang wurde er von Schäfer sexuell missbraucht, geschlagen, Elektroschocks ausgesetzt und mit Psychopharmaka ruhig gestellt.

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