Hausarrest in Ex-Colonia Dignidad? Schwere Anschuldigungen von Bewohnern – 2

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Jedes Kind musste ein Musikinstrument lernen. Bei offiziellen Besuchen sollte die Kolonie sich von der besten Seite zeigen.
Jedes Kind musste ein Musikinstrument lernen. Bei offiziellen Besuchen sollte die Kolonie sich von der besten Seite zeigen / Foto: Johannes Hausen

Typen wie Hempel sind gegangen und nicht wieder gekommen. Opfer wie Schaffrick haben den Absprung nie geschafft. Und manche gingen und kamen wieder, wie Anna Schnellenkamp, Schwester von Maria und Tochter von Kurt. Sie ist für den Tourismus im “Bayerischen Dorf” zuständig. 

“Ein authentisches deutsches Dorf, das die Sinne verzaubert” 

Wo früher Kinder vergewaltigt und Regimegegner Pinochets gefoltert wurden, kann man heute Schweinshaxe und Apfelstrudel essen. Auf der Webseite der Villa Baviera heißt es: “Ein authentisches deutsches Dorf, das die Sinne verzaubert”. 

Auf dem idyllischen Stück Land am Fuße der Anden vermutet man noch immer die sterblichen Überreste zahlreicher Opfer des DINA. Pinochets Geheimdienst hatte den Kartoffelkeller des Dorfes nachweislich als Folterkammer benutzt. 

Der deutsche Ursprung der Villa Baviera wird noch immer hochgehalten
Die Besinnung auf deutsche Tradition soll den Tourismus im bayerischen Dorf ankurbeln / Foto: Johannes Hausen

Angehörige der sogenannten desaparecidos – Menschen, die während der Militärdiktatur spurlos verschwanden – sind teilweise extra nach Deutschland gereist, um eine vollständige Aufklärung der Taten zu erwirken. Doch weder die deutsche noch die chilenische Justiz scheinen an einer lückenlose Aufarbeitung interessiert.

Ehemalige Täter der Kolonie, wie der Sektenarzt Hartmut Hopp, leben seit Jahren unbehelligt in Krefeld. Chiles aktueller Justiz- und Menschenrechtsminister Hernán Larraín zu den “Freunden der Colonia Dignidad”. Ihm wird vorgeworfen, die Aufarbeitung der Verbrechen zu blockieren.

Die Polizei war schon vor Ort

Und so bleibt den Opfern nicht viel mehr, als sich auf Anwälte wie Winfried Hempel zu verlassen. Der twitterte gestern Abend, er habe Informationen, dass in diesen Tagen auch die Polizei den Eingang der Villa Baviera sporadisch kontrollieren würde.

Lokaljournalist Jaime Morales Amaya hat den Besuch einer Streife am Eingang des Dorfes gestern Nachmittag per Video festgehalten. Dort sieht es aber so aus, als würde ein Wagen das Gelände ganz normal verlassen:

Die bestätigte auch General Patrice Van de Maele gegenüber Cooperativa. Die Polizei habe nach Eingang der Beschwerde die Lage vor Ort überprüft und keine Einschränkungen festgestellt. 

Van de Maele ist seit Ausrufung des Katastrophenzustands aufgrund des Coronavirus für die öffentliche Ordnung der Region Maule zuständig. Vertreter der Villa Baviera haben sich bisher nicht zu den Anschuldigungen geäußert.

Update: Wenige Stunden nach Erscheinen dieses Artikels erklärte Friedhelm Zeitner gegenüber La Tercera, die Vorwürfe, es gäbe eine Ausgangssperre, seien “Verleumdungen”. “Hier ist niemand eingesperrt, und wir halten uns an staatliche Regeln”, wird der ehemalige Leibwächter Schäfers zitiert.

Er habe sich über seinen Anwalt bereits an das Berufungsgericht gewandt, um zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Laut Zeitner hätten sich Bewohner der parcela 6 an das Direktorium der Villa Baviera gewandt, da sich trotz Schließung des Hotels und Restaurants noch immer zahlreiche Touristen auf dem Gelände aufgehalten hätten.

31 Bewohner der parcela 6 seien zwischen 70 und 97 Jahren alt und zählten deshalb zur Corona-Risikogruppe. Maria Schnellenkamp habe in ihrer Funktion als Krankenschwester lediglich Empfehlungen gegeben. Die älteren Bewohner sollten im Haus bleiben und keinen Kontakt mit den Kindern des Dorfes haben, um sich nicht anzustecken.

Ein Wohnhaus der ehemaligen Colonia Dignidad
Eines der Wohnhäuser, in denen heute noch über 140 Menschen leben / Foto: Johannes Hausen

In Bezug auf Hempel erklärte Zeitner: “Er hat ein persönliches Problem mit mir und nutzt den Gesundheitsnotstand aus, um mich zu verleumden.” Er prüfe mit seinem Anwalt eine Anzeige.

Das Berufungsgericht Talca hat derweil eine Überprüfung der Situation vor Ort in die Hände der Policía de Investigaciones (PDI), der chilenischen Kriminalpolizei, gegeben. (Stand: 10.4.2020)

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