Der März in Chile: Rückblick auf die Proteste – 5

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Für die Vertreter der Europäischen Union steht an diesem 4. März ausschließlich das Thema Wirtschaft auf dem Zettel. Sie sind wegen des Freihandelsabkommen zwischen Chile und der EU nach Santiago gekommen. Die sozialen Unruhen, Menschenrechtsverletzungen und staatliche Repression passen da natürlich nicht ins Gespräch.

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5. März – Primera linea ist kein Verbrechen

“Teil der primera linea zu sein, ist kein Verbrechen”, erklärt der Präsident des obersten chilenischen Gerichtshofs an diesem Donnerstag in einem viel beachteten Radiointerview. “Plünderungen, Diebstahl und Raub dagegen schon”, fährt Guillermo Silva fort. Er macht sich die Mühe, die in vielen Gesprächen auf der Straße und den sozialen Medien zu kurz kommt: Er differenziert.

Auch mir fällt in Gesprächen und Posts oft auf, dass es meist nur darum geht: Bist du dafür oder dagegen? Doch die Protagonisten der Unruhen in Chile sind so vielfältig wie ihre Motivationen. Die Ereignisse auf der Straße komplex.

Es gibt Personen, die sich mit Schutzschild den Polizisten entgegenstellen. Sie tun dies, wenn die Carabineros mal wieder eine friedliche Demonstration mit Wasserwerfern und Tränengas malträtieren. Es sind nicht zwangsläufig dieselben, welche die Polizisten bei jeder Gelegenheit mit Steinen angreifen, auch wenn es gar keine Demo gibt, die beschützt werden müsste.

An vorderster Front gegen die Polizei: Die escuderos
Die sogenannten “escuderos” (von escudo = Schild) bilden die Front der primera linea. Sie sind sozusagen die erste Reihe der ersten Reihe. / Foto: Johannes Hausen


Seit Beginn der Unruhen kommt es im ganzen Land immer wieder zu Plünderungen. Die gehen aber nicht auf das Konto der Leute, die sich jeden Freitag am Plaza Italia versammeln, um für soziale Gerechtigkeit zu demonstrieren.

Menschen, die an Plünderungen teilnehmen, haben teilweise einen sehr unterschiedlichen Hintergrund. Und sie haben auch keine große Schnittmenge mit denjenigen, die im Zentrum Ampeln aus der Verankerung reißen und brennende Barrikaden anzünden. Doch zu den verschiedenen Akteuren der sozialen Unruhen an anderer Stelle mehr.

6. März – Kriminelle Polizisten

Der Tag beginnt mit schwerwiegenden Nachrichten aus den Reihen der Polizei. Ein 20-Jähriger erliegt im Morgengrauen seinen Verletzungen, nachdem er von einer nächtlichen Streife im Bezirk Lo Prado überfahren wurde.

Auch wenn den beteiligten Polizisten keine Absicht nachgewiesen werden kann, hinterlässt die Nachricht ein mulmiges Gefühl: Die ganze Woche über waren immer wieder Videos von Polizeifahrzeugen aufgetaucht, die teils deutlich erkennbar absichtlich Passanten anfahren.

In Hualqui, einer Kleinstadt nahe Concepción, werden drei Polizisten vom Dienst suspendiert: Sie hatten besoffen und in Dienstuniform einen Passanten überfallen und ihm 50.000 Pesos (ca. 55 EUR) sowie sein Smartphone geraubt.

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