Der März in Chile: Rückblick auf die Proteste – 2

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Seit vier Monaten versucht der Präsident, die gesamte Protestbewegung zu kriminalisieren. Auch die Law-and-order-Rhetorik, mit der er sich die Gunst der Bevölkerung zu sichern glaubt, ist exakt die gleiche. Die Zustimmungswerte des Staatsoberhaupts liegen bei traurigen 12 Prozent.

Piñera ist zwar allein auf weiter Flur, aber lernresistent. Eine beeindruckende Fahrraddemo radelt an diesem Tag gegen Chiles Präsidenten durch ganz Santiago:

Dass keine drei Wochen später die Straßen plötzlich wie leergefegt sein würden und kein einziger Stein mehr fliegt, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand. Chile verzeichnet aktuell noch keinen einzigen Corona-Fall; die Demonstrierenden scherzen stattdessen, ihr Land leide am grassierenden #Piñeravirus

2. März – Explosiver Superlunes

Am mit Spannung erwarteten “Superlunes”, dem Supermontag, erwacht Santiago mit neuen Straßennamen. Die Hauptstraße Alameda heißt auf einmal Avenida Poeta Gabriela Mistral, benannt nach der chilenischen Nobelpreisträgerin für Literatur. Andere Straßen und Plätze tragen Namen wie Violeta Parra oder Margot Dualde, erste Militärpilotin des Landes.

Hinter der nächtlichen Intervention stecken die feministischen Organisationen Asamblea Plurinacional Feminista und Coordinadora 8M.

Chiles Feministinnen sind neben den Schülern und Studenten ein Motor der sozialen Proteste. Für den Internationalen Frauentag in sechs Tagen – er geht auf die sozialistische Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa zurück – haben sie zu einem feministischen Generalstreik im ganzen Land aufgerufen. 

Alles geht von vorne los

Ansonsten scheinen die Unruhen am Superlunes tatsächlich wieder die Intensität vom Oktober aufzunehmen. Der Tag verläuft wie nach wohl bekanntem Muster:

Schon um acht Uhr morgens starten Schüler die ersten Schwarzfahraktionen. Im Laufe des Tages stellen vier Metrolinien den Verkehr teilweise ein, 15 Stationen werden komplett geschlossen. Eine davon geht in Flammen auf.

In mehreren Großstädten wie Antofagasta oder Iquique sieht man brennende Straßenbarrikaden. Friedliche Demos ziehen durch die Innenstadt von Santiago, der Plaza Italia füllt sich mit deutlich mehr Menschen als noch im Februar.

Es kommt an verschiedenen Orten zu Plünderungen von Geschäften, darunter auch lokale Einzelhändler. Aus La Ligua wird ein Überfall auf eine Polizeiwache gemeldet und kurze Zeit später als Inszenierung entlarvt. Der verantwortliche Polizist wird noch am selben Tag vom Dienst suspendiert.

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