Corona in Chile: Alter Klassenkampf mit neuer Krankheit

Ein Mann hält ein Schild hoch: "Keine wilde neoliberale Wirtschaftsdiktatur mehr. Chile ist erwacht!!"
“Keine wilde neoliberale Wirtschaftsdiktatur mehr. Chile ist erwacht!!” / Foto: Johannes Hausen

Eine komplette Dreierreihe nur für mich – so bequem war ich noch nie über den Atlantik geflogen. Die Coronaphobie hatte die Passagierzahlen der Air-France-Maschine an diesem 8. März bereits ausgedünnt. Vor mir sitzen Menschen mit Atemschutzmasken. Einer hustet; ich mache einen Film an. Würde ich den Coronavirus nach Chile bringen?

Als ich im Morgengrauen mit dem Taxi Richtung Tegel aufgebrochen war, wusste man in Deutschland von 639 gemeldeten Fällen. Auf Berlin fielen gerade einmal 28. Am Flughafen entsprechend entspannte Stimmung. Auch in Paris nichts Ungewohntes beim Umsteigen.

In Santiago sieht es dann schon anders aus. Unzählige Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums rennen schnatternd durch die Gegend, drücken mir ein Formular in die Hand, messen Fieber.

Waren Sie mit Corona in Kontakt?

Sind Sie in den letzten 30 Tagen gereist? Haben Sie Husten? Waren Sie mit einem Corona-Infizierten in Kontakt? Nein. Nein. NEIN! Beziehungsweise: Woher soll ich das wissen?! Ich gebe die eidesstattliche Erklärung ab und husche durch den Zoll.

“Stopp, Ihr Rucksack!” Was kommt jetzt noch? Entwarnung, mein Massageball wurde für einen Apfel gehalten. Die Chilenen reagieren äußerst gereizt, wenn man versucht, frische Nahrungsmittel in ihr Land einzuführen.

Auch die Einreise des Coronavirus wollen sie nun verhindern. Zumindest tun sie so. Doch Sars-CoV-2 befindet sich zu diesem Zeitpunkt schon längst im Land. Ein chilenischer Arzt, 33, hatte den Erreger aus Singapur mitgebracht. Infizierte Nr. 2: Die Ehefrau des Arztes. 

Die ersten zehn Fälle bekommen auf der Website des chilenischen Gesundheitsministeriums (Minsal) noch jeweils einen eigenen Artikel gewidmet. Dann hat auch das Minsal keine Lust mehr, das exponentielle Wachstum von Covid-19 hat begonnen.

Mit COVID-19 zum Crossfit

Wir schreiben den Tag meiner Anreise. Tag der größten feministischen Demonstration, die Chile je gesehen hat. Ohne zwei Meter Sicherheitsabstand. #8M.

Einen Tag später – der feministische Generalstreik geht in die zweite Runde – entscheidet sich ein Einwohner der Kleinstadt Chillán, mal wieder zum Crossfit zu gehen. Er ist gerade erst aus dem Peru-Urlaub zurückgekommen. Am Flughafen von Santiago hat er dieselbe eidesstattliche Erklärung unterschrieben wie ich.

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