Corona in Chile: Alter Klassenkampf mit neuer Krankheit – 4

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Da Regierung und Gesundheitsminister untätig bleiben, preschen die Bürgermeister der barrios altos vor. Sie ordnen eigenständig eine präventive Quarantäne für alle Einwohner aus Las Condes, Vitacura und La Reina an. Sie soll ab dem 21. März, 0 Uhr, gelten.

Kurz vor Mitternacht werden die Autobahnen Richtung Strand immer voller. Wer ein Wochenendhaus an der Küste hat, versucht noch wegzukommen. Doch die Rechnung der Reichen geht nicht auf. Schon an zahlreichen Ortseingängen werden sie mit brennenden Barrikaden empfangen und als #CuicosCuliaos (verf*ckte Bonzen) beschimpft. Die Botschaft ist klar: “Haut ab!”.

Denn wie nicht nur die Fälle aus Papudo und Temuco gezeigt haben, tragen die gutverdienenden Santiaguinos entscheidend zur Verbreitung des Virus im Land bei. In den Küstenorten des Litoral Central überlasten sie nun außerdem die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen (die CESFAMs) und provozieren Versorgungsengpässe bei den Impfungen der lokalen Bevölkerung. 

“Hier ist alles überfüllt, damit die Armen sterben.”

21 Bürgermeister der Region veröffentlichen schließlich am 23. März einen Brief an den Präsidenten und bitten um Sperrung der Straßen. “Welchen Teil von Zuhause-in-Quarantäne-bleiben habt ihr nicht verstanden?”, ärgert sich Jorge Sharo, Bürgermeister Valparaisos.

Kurz darauf verkündet die Regierung dann tatsächlich ein Verbot, an den Zweitwohnsitz zu fahren. Alle, die schon im Wochenendhaus angekommen waren, müssen zurück nach Santiago. In der Hauptstadt sind die Metros und Busse in den Arbeitervierteln noch immer brechend voll. Quarantäne können sich hier die wenigsten leisten.


Trotz Corona pendeln tausende Menschen weiterhin in die Innenstadt, um dort als Pförtnerinnen, Haushälter oder Putzkraft zu arbeiten. Viele von ihnen befinden sich in informellen Arbeitsverhältnissen. Homeoffice ist ein Privileg, das ihnen vorenthalten bleibt.

“Der Fortbestand der Zahlungskette muss gesichert sein”, heißt es kurz und knapp vom Vorsitzenden des Verbands des produzierenden Gewerbes CPC. Die Angestellte eines Bauunternehmens spricht live im Fernsehen das aus, was viele denken: “Die Leute, die das Land regieren, haben niemals eine Metro genommen. Hier ist alles überfüllt, damit die Armen sterben.”

“Applaudiert!”

Sebastián Piñera hat derweil seinen vielleicht bisher bizarrsten Auftritt. In einer live übertragenen Videokonferenz verkündet er ein neues Telearbeitsgesetz, vielfach kritisiert aufgrund seines mangelnden Arbeitnehmerschutzes. Auch das Problem der überfüllten Metros wird es nicht lösen.

Der Präsident verkündet es trotzdem freudig gestikulierend. Seine Worten können in den Ohren vieler Chilenen nur wie blanker Hohn klingen: “Wir leben nicht um zu arbeiten, wir arbeiten um zu leben!” Anschließend beginnt er sich selbst Beifall zu klatschen. “Applaudiert!”, wendet er sich an seine Gesprächspartner.

APLAUDAN

Gepostet von Televisivamente am Dienstag, 24. März 2020

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