Corona in Chile: Alter Klassenkampf mit neuer Krankheit – 3

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Die bedrückenden Nachrichten aus Italien und Spanien sorgen mittlerweile auch in Chile für immer größere Verunsicherung. Der Appell einer in Piemont lebenden Chilena, die ihre Landsleute bittet, Corona ernst zu nehmen, verbreitet sich in den sozialen Medien wie ein Lauffeuer; sie wird schließlich am 18.März live im chilenischen Fernsehen interviewt.

Piñera wirft am selben Tag einmal mehr die Frage auf, ob er dumm oder dreist ist. Vor laufenden Kameras erklärt er zur Hauptsendezeit: “Wir sind viel besser auf die Krise vorbereitet als Italien. Die haben schon 35.000 Infizierte, wir erst 238.” Dem Hinweis des Interviewers auf die zeitliche Differenz der Erstfälle in den beiden Ländern, bemüht er sich nicht einmal etwas entgegenzusetzen, außer einem gleichgültigen: “Bueno…”

Den Klassenkampf kann Sars-Cov-2 nicht aufhalten

Trotz höchst irritierender Statements wie diesem verzeichnet der Präsident zu Beginn der Corona-Krise plötzlich die höchsten Zustimmungswerte seit Beginn der sozialen Unruhen. Lagen diese noch im Februar bei traurigen 6,7%, bringt er es auf einmal auf 18%. 

Schon jetzt ist klar: Das Virus wird auch die Straßenkämpfe und Demonstrationen vorerst zum Stillstand bringen (- auch wenn die Proteste in den sozialen Medien natürlich weitergehen). Die primera linea hat sich bereits zurückgezogen. Doch den Klassenkampf kann Sars-Cov-2 nicht aufhalten. Er brodelt auf anderer Ebene weiter. 

Vertreter der reichen Oberschicht aus den barrios altos sorgen weiter für Zündstoff. Sie werden auf einmal vermehrt an der Küste gesichtet, wo viele von ihnen Wochenendhäuser besitzen.

“Und was ist, wenn das Virus mutiert und zu einer guten Person wird?”

Eine 25-Jährige aus Santiago entscheidet sich, die Quarantäne lieber am Strand zu verbringen und schleppt so das Virus in den Badeort Papudo. Einen Tag später donnert ein 61-Jähriger aus den barrios altos mit seinem Jaguar auf der Stadtautobahn besoffen in die Leitplanken. Er war erst am selben Tag aus Thailand zurückgekommen und hätte eigentlich direkt in die Quarantäne gemusst. Feuerwehrkräfte und Sanitäter können später aufatmen, der Mann wird negativ auf Sars-Cov-2 getestet. Der Hass der Unterschicht ist dem Bruchpiloten indes sicher.

Während im Zentrum heimlich, still und leise die Spuren der Proteste beseitigt werden, fordern viele Bürger sowie der chilenische Ärzteverband eine totale Ausgangssperre. In zahlreichen anderen südamerikanischen Ländern besteht sie bereits. Gesundheitsminister Mañalich reagiert auf die Forderungen mit einem Statement, das noch mehr Kopfschütteln auslöst als Präsident Piñera. “Und was ist, wenn das Virus mutiert und zu einer guten Person wird?”

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