Corona in Chile: Alter Klassenkampf mit neuer Krankheit – 2

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Der Spiegel würde ihn vielleicht als Superspreader bezeichnen: Drei Tage in Folge geht er trainieren, 20 Personen steckt er an. Eine Crossfit-Kollegin des Superspreaders geht später auf die Hochzeit des ehemaligen Sportbeauftragten Rodrigo Ramírez. Dieser hat regionale Größen aus der Politik eingeladen.

Keine zwei Wochen später ist Chillán Sperrgebiet. Knapp 1.000 Menschen sind heute in Zwangsquarantäne. “Niemand kommt rein, niemand geht raus”, lautet die Devise der örtlichen Behörden. Soldaten überprüfen eventuelle Ausnahmegenehmigungen. Die Region Ñuble wird zur am zweitstärksten betroffenen des Landes, nach dem Großraum Santiago. 

“ICH MUSS NICHT IN QUARANTÄNE”

In der Hauptstadt hat unterdessen das Social Distancing begonnen. Viele Menschen, die die finanziellen Voraussetzungen dafür haben, begeben sich freiwillig in häusliche Quarantäne. Don Emilio hat diese Möglichkeit nicht. Er sitzt weiter bei uns an der Tür. Quarantäne ist eben auch ein weiteres Privileg der Besserverdienenden.

Model Trinidad de la Noi könnte zwar, will aber nicht. Die 21-jährige Chilenin pfeift auf common sense und die Vorgaben des Gesundheitsamts. Nach ihrer Ankunft aus New York geht sie direkt auf eine Hochzeit. Schließlich habe sie ja den Test gemacht. Auf Instagram erklärt sie in Großbuchstaben: “ICH MUSS NICHT IN QUARANTÄNE. ICH TUE NICHTS FALSCHES”. Der anschließende Shitstorm fliegt ihr gewaltig um die Ohren.

“Aufgrund solcher Dinge sagt man, dass Models dumm seien”, kommentiert eine Twitternutzerin die Aktion von Trinidad de la Noi.

Ebenso sorglos verhält sich ein 29-Jähriger aus den sogenannten barrios altos. In diesen “hohen Vierteln” wohnen nicht nur die reichsten Bürger Santiagos, sondern auch die meisten Infizierten. Der Mann, dessen Name später in allen Zeitungen stehen wird, weist bei seiner Ankunft aus Australien für Corona typische Symptome auf.

Die Hetzjagden beginnen

Er unterzieht sich deshalb in einer Klinik einem Test, wartet das Ergebnis allerdings nicht ab. Stattdessen reist er im Flieger nach Temuco, von dort geht es weiter mit dem Bus nach Villarica. Als das positive Testergebnis kommt, ist der Reisefreudige bereits auf einer Hochzeit. Ihm sei nicht zur Quarantäne geraten worden, erklärt er später gegenüber der Staatsanwaltschaft.

Diese fragt ihn nach den Orten, die er auf seinem Kurztrip aufgesucht habe. Kooperativ zeigt sich der Infizierte nicht. Neben einer Anzeige wegen Vergehens gegen die öffentliche Gesundheit sieht er sich daraufhin auch im Zentrum einer mittelgroßen Hetzjagd in den sozialen Medien. Name, Fotos und Adresse des Mannes werden massenhaft verbreitet.

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