Chronologie der “Evasión masiva” – Die Geburtswehen der chilenischen Revolte (6)

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Insgesamt fünf Stationen muss die Metro Santiago heute vorübergehend schließen – was die Schüler aber nicht davon abhält, sich trotzdem Zugang zu verschaffen, wie hier an der Station Santa Ana:

Es wird der erste Tag der Evasión masiva, an dem auch Glasscheiben zu Bruch gehen, Eingangstüren und Drehkreuze beschädigt werden. Vereinzelt gibt es Attacken gegen die Sicherheitskräfte der Metro. Deren Sprecher kündigen am Abend an, in den nächsten Tagen verstärkt mit dem 60. Kommissariat der Carabineros de Chile zusammenzuarbeiten. 

15. Oktober: “Bei Demonstrationen Gewalt anzuwenden, ist etwas, was wir nicht verstehen”

Spätestens mit dem gestrigen Verlauf sind die Schülerproteste in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen. Medien und Behörden haben die Evasión masiva im Auge. Die Polizei ist an mehreren Stationen vor Ort. Doch die Schüler zeigen sich weiter unbeeindruckt.

Erstmals äußert sich heute auch die chilenische Politik zu den Vorfällen. Unisono geben Staatssekretär Ubilla und Verkehrsministerin Gloria Hutt ein gutes Beispiel dafür ab, wie antwort- und verständnislos Chiles politische Elite in der Regel auf soziale Forderungen reagiert. Die Schüler seien doch gar nicht von der Preiserhöhung betroffen, heißt es zunächst.

Auch die Form des Protests sei nicht angemessen. “Bei Demonstrationen Gewalt anzuwenden, ist etwas, was wir nicht verstehen”, so Hutt. Als eine der ersten Politikerinnen bemüht sie das Narrativ der gewalttätigen Demonstranten. Differenzierung findet nicht statt. Auch auf die sozialen Missstände in der chilenischen Hauptstadt geht sie nicht ein. 

Tatsächlich besteht das primäre Problem für die Nutzer der Metro natürlich nicht darin, dass die Tickets nun noch ein bisschen teurer geworden sind. Die erneute Fahrpreiserhöhung ist vielmehr der “Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat”, wie viele Menschen später erklären. Denn es ist das generell teure Leben, welches Chiles Bevölkerung zu schaffen macht. 

Die Metro trägt ihren Teil dazu bei. Viele Arbeiter pendeln aus den Vororten ins Zentrum. Sie zahlen mindestens 1.000 CLP (chilenische Pesos) für einen Bus, der sie zunächst zu einer Metrostation bringt. Erst dort beginnt ihre Fahrt im Red Metropolitana de Movilidad, wie Santiagos ÖPNV-System offiziell heißt. Hier werden dann nochmal 830 Pesos für das Metroticket fällig. 

“Die Nachricht ist überbracht, und die Politik muss jetzt reagieren”

So kommen für arbeitsplatzbedingte Fahrten 3.660 CLP pro Tag zusammen, was bei 20 Arbeitstagen monatlich 73.200 CLP (ca. 83 €) entspricht. Bedenkt man nun, dass die Hälfte aller Chilenen ein Einkommen von weniger als 400.000 CLP (ca. 453 €) pro Monat beziehen, wird der finanzielle Druck deutlich, den das Fahren im ÖPNV bedeutet.  

Die Schüler haben mit ihren Protesten deswegen bei vielen Menschen einen Nerv getroffen. Einige Fahrgäste beginnen, sie anzufeuern, wie in diesem Video zu hören ist:

Auch Rodrigo Peréz sieht eine stille Zustimmung der Bevölkerung zu den Aktionen der Evasión masiva. Er ist heute wegen einer Brandstiftung durch Vermummte im IN zu Gast bei CNN Chile: “Die Gesellschaft drückt sich durch die Schüler aus”, erklärt er.

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