Chronologie der “Evasión masiva” – Die Geburtswehen der chilenischen Revolte (4)

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Dabei machen in Chile normalerweise die Abgänger der privaten Sekundarschulen Karriere. Das IN ist eine Ausnahme. Neben dem Stolz, eine besondere staatliche Schule zu sein, herrscht am Instituto Nacional auch Klassenbewusstsein. Die Schüler verstehen sich als Teil des pueblo, der armen Unterschicht, die in Chile einen Großteil der Bevölkerung ausmacht.

Schüler des IN waren federführend bei den Schülerprotesten 2006, der berühmten revolución pinguina. Auch 2011, bei der zweiten großen Welle der Schüler- und Studierendenproteste in Chile, spielte das IN eine Rolle. Das Schulgebäude wurde damals mehrere Monate von Schülern besetzt, um Reformen des Bildungssystems zu erkämpfen.

“Kein Schüler schmeißt einen Molotov-Cocktail, weil er es lustig findet”

Am heutigen 9. Oktober 2019 ist die Schule mal wieder in den Schlagzeilen. Vermummte haben im Inneren des Schulgebäudes Feuer gelegt und brennende Gegenstände vom Dach geschmissen. Die Jacke einer Lehrerin fängt Feuer. Ein vertrautes Bild der letzten Monate. 

Zahlreiche Ausschreitungen und Molotov-Attacken auf Polizisten aus dem Umkreis des Instituto Nacional haben im Laufe des Jahres dazu geführt, dass die Schüler mittlerweile bei Eintritt auf den Schulhof ihren Rucksack und Ausweis vorzeigen müssen. Den insgesamt 4.200 Institutanos haftet in der Stadt ein gewisser Ruf an, Randalierer zu sein.

“Unsere Schule reflektiert den Zustand der Bildung in Chile”

Genau darüber beschwert sich ein Schüler des IN in einem weiteren Artikel, der heute über seine Schule erscheint. In einem Schreiben an den Mostrador erklärt er, häufig Opfer von Diskriminierung zu sein, weil er auf’s Instituto Nacional gehe. Dabei gebe es am IN nur eine kleine Gruppe an gewaltbereiten Schülern, der Rest wolle normal zur Schule gehen.

“Kein Schüler schmeißt einen Molotov-Cocktail, weil er es lustig findet”, hatte Schulsprecher Rodrigo Perez diesbezüglich vor ein paar Wochen gegenüber der BBC erklärt. “Unsere Schule reflektiert den Zustand der Bildung in Chile: Es fehlt an Ressourcen und Aufmerksamkeit für die Schüler. Wir haben es satt, als Terroristen und Kriminelle bezeichnet zu werden. Wir wollen einfach nur, dass man uns zuhört.”

Tatsächlich sind auf dem Instagram-Account des IN immer wieder Bilder von maroden Sanitäranlagen, veralteten Klassenzimmern und Ratten in den Gängen der Schule zu finden. Perez beklagt, dass viele Kurse nur unregelmäßig und mit wechselnden Lehrern stattfinden. 

10. Oktober: Hausbesuch von der Polizei

Doch Santiagos Bürgermeister Alessandri ist kein guter Zuhörer. Er schickt am liebsten die Polizei. Erst im August wäre ein 14-Jähriger fast erstickt, nachdem Polizisten das Schulgebäude mit Tränengas bombardierten. Zwei Wochen später waren 14 Jugendliche der Schule verwiesen worden – im Rahmen des neuen Gesetzes Aula Segura, das extra erlassen wurde, um Randalierer in den Schulen härter sanktionieren zu können.

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