Chronologie der “Evasión masiva” – Die Geburtswehen der chilenischen Revolte (2)

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Kurz nach 14 Uhr stürmt eine Horde Jugendlicher in die Station “Universidad de Chile” im Zentrum Santiagos. Das spärlich vorhandene Sicherheitspersonal kann sie kaum daran hindern, über die Drehkreuze zu springen und ihre Fahrt ohne Bezahlung anzutreten. Die #EvasionMasiva hat begonnen.

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SIN RODEOS. EVASIÓN MASIVA JM

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Kurze Zeit später landet ein Video der Aktion auf Instagram. Für die musikalische Untermalung wählen die Schüler den Song “Estampida” von Ska-P, einer klassischen linken Protestband aus Spanien. Die Lyrics drücken das aus, was wohl viele Chilenen zu diesem Zeitpunkt denken:

Eh no, basta ya, ven unamonos – Hey, nein, es reicht, tun wir uns zusammen!
Eh no, basta ya, organizacion – Hey, nein, es reicht, Organisation!

Im Refrain des Songs findet sich eine kleine Hommage an das bekannteste chilenische Protestlied: “El pueblo unido jamás será vencido” mobilisiert bis heute wie kein anderes Stück die Massen.

Doch in Santiago kann von Massenmobilisierung zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein. Die erste Aktion der Institutanos bleibt von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Sie gleicht vor allem einem pubertären Schuljungenstreich. Er wird von seinen Protagonisten gebührend gefeiert.

“Meine Schüler fragen mich, warum wir die Preiserhöhung einfach hinnehmen”

Tatsächlich sind die Schüler von der Fahrpreiserhöhung gar nicht direkt betroffen. Ihr Tarif hat sich nämlich nicht verändert. Teurer geworden sind dagegen die regulären Tickets zur Rushhour. Gemessen am Durchschnittseinkommen gehört Santiago hier zu den zehn teuersten Städten der Welt.

Das trifft vor allem die Millionen Arbeiter und Angestellten in der Stadt. Deren wichtigste Vertretung, der chilenische Gewerkschaftsverband CUT (Central Unitaria de Trabajadores de Chile), hat sich bereits kritisch zu den neuen Tarifen geäußert. Ansonsten bleibt es in der Erwachsenenwelt erstaunlich still.

Ein Lehrer bringt die Lage auf Twitter auf den Punkt: “Meine Schüler aus der Generation Z fragen mich, warum wir die Preiserhöhung in der Metro ohne zu murren hinnehmen. Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll.”

Und da wäre der erste Tag der Evasión masiva auch schon relativ ruhig über die Bühne gegangen, würde nicht Chiles Wirtschaftsminister am Abend noch vor die Kameras treten.

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