“Chilena sein ist immer politisch” – Illustratorin Su Rivas im Interview

Selbstporträt von Su Rivas | © www.surivas.com

Seit dem 18. Oktober 2019 ist in Chile nichts mehr, wie es vorher war. Die monatelangen Straßenproteste gegen das neoliberale Wirtschaftssystem und die Regierung von Sebastian Piñera haben das Land für immer verändert.

Auch für die über eine Million Chilenen, die im Ausland leben, begann mit dem Ausbruch der Revolte eine neue Zeit. Eine von ihnen ist Su Rivas. Die 36-jährige Illustratorin verließ vor rund 15 Jahren ihren Heimathafen Valparaíso und fand in Hamburg ein neues Zuhause.

Vor kurzem hat Rivas den ersten Teil ihres Comic-Projekts “Chile ist erwacht!” veröffentlicht. Auf verspielte Art und Weise bietet sie vor allem Interessierten aus Deutschland einen ersten Zugang zur Thematik der Proteste in ihrem Heimatland. Für Chile-Kenner hält das Comic dagegen einige amüsante Insider bereit, wie Su Rivas im Gespräch mit insidechile.de verrät.

Hallo Su, dein neues Comic heißt “Die illegitime Verfassung” und ist der erste Teil einer Reihe über die sozialen Proteste in Chile. Wie kamst du auf die Idee?    

Als im Oktober 2019 die Proteste starteten, fing ich sofort an zu zeichnen. Es gab einfach viele Leute in Chile, die nicht wussten, was an unserer Verfassung so schlecht ist. Der Comic wurde größer und größer. Als ich dann soweit war, merkte ich: Mittlerweile wissen in Chile ja alle schon Bescheid. Also dachte ich mir, ich veröffentliche das Comic lieber auf Deutsch.

Denn tatsächlich kamen damals viele meiner Freunde aus Hamburg zu mir und fragten mich: “Was ist da los in Chile”? Die konnten gar nicht glauben, wie ungerecht die chilenische Gesellschaft und Politik ist.

Ich habe mir dann gezielt Leute ausgesucht, die kein Spanisch sprechen und nichts über Chile wissen, um die Verständlichkeit des Comics zu checken. Für die Chilenos habe ich ein paar kleine Bonbons versteckt, wie das Weinglas von Van Rysselbherge oder den Schriftzug “Pinera qlo”. Es ist aber in erster Linie für deutsche Leser.

Über das Comic möchte ich ihr Interesse wecken und die Grundproblematik verständlich machen. Eine zentrale Frage dabei war: Wie kann ich Leute erreichen, die sich überhaupt nicht für Politik interessieren?

Seit wann bist du denn selbst politisch interessiert? Oder würdest du sogar sagen, dass du politisch aktiv bist?

Wenn du Chilenin bist, bist du doch eigentlich immer politisch. Zumindest unterbewusst. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien habe ich angefangen, so richtig bewusst Debatten zu verfolgen. In meinem Freundeskreis in Valparíso wurde auch dauernd demonstriert, aber ich bin nie wirklich mitgegangen, weil ich Angst hatte. Hier in Hamburg sehe ich jetzt, wie es ist, wenn man frei demonstrieren kann.

Meine Familie in Chile war nie wirklich politisch aktiv. Mein Vater glaubt das Märchen des Neoliberalismus, obwohl er mehrmals pleite war. Meine Eltern wollten nie großartig auffallen. Aber meine Mutter weiß mittlerweile richtig gut über die Verfassung Bescheid – ich bin ganz stolz.

Als die Proteste begannen, habe ich eine gewisse Berufung verspürt. Ich fragte mich: Wie kann ich die Bewegung von Deutschland aus unterstützen? Welchen Beitrag kann ich als Chilenin im Ausland leisten? Das war fast schon eine tiefenpsychologische Arbeit für mich. Leider sind viele Chilenen der Meinung, dass die Leute, die ausgewandert sind, kein Recht mehr haben mitzureden oder wählen zu gehen.

Warum bist du denn ausgewandert?

Naja, ganz ehrlich, die Chancen bei uns waren einfach zum Abkotzen. Ich bin ziemlich jung nach Schweden gegangen, um Geld zu verdienen – ich musste wahnsinnige Schulden für die Uni abbezahlen.

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