“Chilena sein ist immer politisch!” – Illustratorin Su Rivas im Interview (2)

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Ich bin noch einmal kurz zurück und fast sofort wieder ausgewandert – dieses Mal nach Argentinien. Dort habe ich gemerkt, wie schlecht das Bildungssystem in Chile ist.

Ich war total verblüfft, denn auf einmal konnte ich mit dem Geld, was in Chile nur für monatliche Studiengebühren drauf geht, eine Wohnung bezahlen, Essen kaufen und auch noch studieren.

Ich Schweden konnte ich von einem einfachen Job gut leben. Ich kannte ein Leben ohne Schulden gar nicht. Eine gewöhnliche Arbeit zu haben und trotzdem mit Würde zu leben – das war neu für mich.

Meine Familie in Chile kauft immer noch Essen auf Kreditkarte. Meine Großeltern stehen auch jetzt in der Pandemie ewig in der Schlange, um ihre Medikamente zu bekommen. Sie sind in einem Campamento [Anmerkung: So werden die informellen chilenischen Armenviertel genannt] aufgewachsen. Ich hab als Kind selbst noch in ein Plumpsklo geschissen.

Gehst du davon aus, dass die Proteste in Chile Erfolg haben werden? Wie siehst du die nächsten Monate?

Ich bin nicht nur optimistisch. Aber es gibt keinen Schritt mehr zurück. Ich habe großes Vertrauen in die neue Generation, die das alles gestartet hat. Die Menschen haben jetzt endlich kapiert, dass man etwas machen kann und sind viel informierter als früher. 

Vielleicht ändert es sich nicht in ein paar Monaten. Aber Chile schläft nicht wieder ein. Wir werden eine neue Verfassung schreiben – auch wenn ich mir vorstellen kann, dass der Volksentscheid wegen der Pandemie noch mal verschoben wird [Anmerkung: Das Referendum über eine neue Verfassung war ursprünglich auf den 26. April 2020 terminiert, wurde aber aufgrund der Coronakrise auf den 25. Oktober dieses Jahres verschoben]. 

Auch hier in Hamburg sind in der Asamblea Abierta von Chile Despertó Hamburgo so viele unterschiedliche Menschen zusammengekommen, die nicht in politische Parteien eintreten möchten, sich aber trotzdem engagieren wollen. Wir haben zum Beispiel mit 200 Frauen die Performance von Las Tesis [Un violador en tu camino] am Jungfernstieg aufgeführt. 

Mein Leben ist definitiv politischer als vorher. Ich bin aber nicht militant, ich bin in erster Linie Chilena. Wer in Chile geboren ist, muss einfach Stellung zu dem beziehen, was gerade in unserem Land passiert.

Wie wird es mit deinem Comic-Projekt weitergehen?

Ich werde den ersten Teil vielleicht noch auf Englisch und Spanisch übersetzen – dann würde sich mein Vater freuen. Außerdem arbeite ich bereits am zweiten Teil: “Die soziale Pandemie.” Mal sehen, was bis Oktober noch so passiert.

Die Geschichte wird ja gerade im wahren Leben geschrieben, und ich beobachte alles. Beide Comics werden dann Teil meiner Masterarbeit im Studiengang “Illustration”. Zum Abschluss werde ich 100 Exemplare drucken lassen.

Viel Erfolg mit dem Projekt und danke für das Gespräch!

1 thought on ““Chilena sein ist immer politisch!” – Illustratorin Su Rivas im Interview (2)

  1. Andrea says:

    Politisches Desaster mit Augenzwinkern gezeichnet – spannend und informativ. Und ein super Interview…… weiter so!

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