Ausnahmezustand im Ausnahmezustand – In Chile bleibt alles anders

Gekommen, um zu bleiben. Gekommen, um über die Proteste zu schreiben. Vor meinem Fenster werden gerade die Spuren von über 150 Tagen Straßenkampf beseitigt. War es das jetzt mit meinem Projekt?

Obdachloser schiebt Einkaufswagen über den Plaza Italia
Quo vadis, Chile? / Foto: Johannes Hausen

Corona hat in Chile nicht nur einen neuen Ausnahmezustand hervorgerufen, sondern auch einen anderen vorerst beendet. COVID-19 kommt der Regierung wie gerufen. Was Sebastián Piñera in fünf Monaten nicht geschafft hat, ist auf einmal Realität: Die Demonstrationen gegen den Präsidenten und für ein gerechteres Land sind schlagartig von den Straßen verschwunden.

Auch in Santiago startet diese Woche die Rückholaktion der deutschen Regierung. So steht es zumindest im Landsleutebrief. Welch ein Wort; welch ein Privileg, Deutscher zu sein in diesen Tagen.

Soll ich also schnell zurück in den sicheren Heimathafen? Dem chilenischen Gesundheitssystem entfliehen, das Gesundheitsminister Jaime Mañalich als “eines der effizientesten des Planeten” bezeichnet, in dem aber pro Halbjahr 10.000 Menschen sterben, weil sie mit ihrer Behandlung auf einer Warteliste stehen?!

Wieso sagt hier keiner was?

Nein, bevor ich mich mit Hunderten compatriotas 18 Stunden in eine Boeing quetsche, um danach meine Familie anzustecken, bleibe ich lieber hier. Quarantäne fühlt sich doch sowieso überall gleich an, oder?

Vom cabin fever bin ich nach einer Woche selbst auferlegtem Hausarrest bisher verschont geblieben. Das Unbequemste an meiner Hochhauswohnung ist, dass unser Pförtner Don Emilio, der hier sechs Tage pro Woche von morgens bis abends die Tür macht, weniger verdient als ich an Miete zahle – und das ist ein für Santiago Centro durchschnittlicher Preis.

Ein Pförtner sitzt an der Rezeption
Ein Systemrelevanter hält die Stellung – Don Emilio, stets zu Diensten. / Foto: Johannes Hausen

Wenigstens mit seinem Arbeitsweg hat es der 49-Jährige etwas besser getroffen als viele seiner Leidensgenossen. Er fährt nur acht Stationen Metro. Tausende Menschen im Rentenalter müssen sich täglich aus den Vororten zwei Stunden lang mit mehreren Bussen in die Stadt durchschlagen. Dort sichern sie dann zum Mindestlohn die Privilegien der Oberschicht.

Und da wären wir wieder beim Thema Proteste. Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal in Chile lebte, ging mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Wieso sagt hier keiner was? 

Ich dachte dabei nicht nur an die gewaltigen Einkommensunterschiede, die krassesten aller OECD-Länder. Befremdlich war für mich auch die Arroganz, dieses von-oben-herab-Behandeln der einfachen Angestellten, das einige Chilenos an den Tag legen, die teils deutsche Nachnamen haben und am liebsten strohblond wären.

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