Ausnahmezustand im Ausnahmezustand: In Chile bleibt alles anders – 3

<<< vorherige Seite

Piñera versucht die Spuren der Revolution wegzukärchern. Am 18. März hat er den Notstand ausgerufen, um das Coronavirus einzudämmen. Die öffentliche Ordnung ist jetzt wieder Sache des Militärs, Personenkontrollen im öffentlichen Raum nehmen zu.

Keine zwei Stunden nach Inkrafttreten des Katastrophenzustands macht sich im Dunkel der Nacht am Plaza Italia ein Reinigungsteam ans Werk: Unter Geleitschutz der Polizei wird das Monument des General Baquedano von den Anti-Regierungs-Schriftzügen der letzten fünf Monate befreit.

Dieses Bild ging um die Welt: Das von Protestierenden besetzte Baquedano-Monument am 25. Oktober 2019, Tag der historischen Millionen-Demonstration am Plaza Italia. Rage against the machine, die Protestband schlecht hin, nahm es zur Eröffnung ihres Instagram-Accounts.

Die ikonische Reiterstatue war von Anfang an ein wichtiges Symbol der Protestbewegung. Kein Tag verging, ohne dass ein Fahne schwingender Demonstrant auf ihr Platz nahm. Doch auf einmal bleiben die Menschen zuhause.

Sogar die primera linea hat sich von den Straßen Santiagos zurückgezogen. “Unsere Kriegsflagge ist der Schutz des Volkes. Wir brauchen euch gesund, um den Kampf fortzuführen”, heißt es aus ihren Reihen. 

Systematische Staatsgewalt – 460 verletzte Augen

Und so hat sich auch für mich und Don Emilio die “Lage” geändert. Vor der Tür ist nichts mehr los. Er hat seine Gasmaske gegen eine Atemschutzmaske getauscht; ich stelle meine zaghaften Webcam-Versuche wieder ein, mit denen ich die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden dokumentieren wollte.

746 mit Sars-Cov-2 infizierte Personen sind zum jetzigen Zeitpunkt in Chile bestätigt. 460 Menschen haben Augenverletzungen davon getragen, weil die Polizei ihnen eine Tränengasgranate, ein Gummigeschoss oder Schrotkugeln ins Gesicht gefeuert hat. Rund zehn Prozent dieser Personen sind auf mindestens einem Auge blind. 

Während sich Chiles Corona-Kurve bisher ähnlich zu anderen Ländern verhält, ist die Zahl der Augenverletzungen durch Staatsgewalt international beispiellos in der Protestgeschichte.

UNO, Amnesty International und CIDH hatten im November nach wochenlangen Interviews mit Polizei, Behörden, Krankenhausmitarbeitern und Opfern eine systematische und institutionalisierte Anwendung von Gewalt zur Einschüchterung und Demoralisierung der Protestbewegung attestiert

Dank Corona ist nun sogar die nächtliche Ausgangssperre zurück. Autoritäres Regieren ist in Zeiten von COVID-19 salonfähiger denn je. Doch die Krankheit nagt gleichzeitig auch am neoliberalen Wirtschaftssystem. 

Chile repräsentiert den deregulierten Markt als ehemaliges Labor der Chicago Boys wie kein anderes Land auf der Welt. Corona wird auch hier die Schwachstellen des System gnadenlos offenlegen. Und so mag Piñera aktuell eine kleine Verschnaufpause bekommen haben. Letztendlich ist er aber seine Gegner nicht los geworden, sondern hat einen weiteren hinzubekommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.