Ausnahmezustand im Ausnahmezustand: In Chile bleibt alles anders – 2

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Für mich waren es himmelschreiende Ungerechtigkeiten, gepaart mit kolonialistischem Gutsherrengehabe. Doch dieser für Chile typische Klassismus schien beinahe gesellschaftlich akzeptiert.

Das ist mittlerweile ein bisschen anders. Seit dem 18. Oktober 2019, um genau zu sein. Das Datum gilt als der Tag, an dem die sozialen Unruhen explodierten. Es sind die schwersten seit dem Ende der Militärdiktatur, einer der grausamsten in Lateinamerika.

“Wir haben keine Angst”

Das Volk hat keine Angst mehr – Hauseingang im Barrio Lastarria / Foto: Johannes Hausen

30 Jahre sind seit Pinochet vergangen und in diesem Zeitraum liegt auch eine der Erklärungen, warum die Menschen plötzlich aufbegehren. Auf den Straßen des Landes kämpft eine Generation, die die Diktatur nicht erlebt hat.

“No tenemos miedo” (Wir haben keine Angst) war in den letzten fünf Monaten eine der wichtigsten Parolen der Bewegung. Keine Angst, das Maul auf zu machen, keine Angst sich der polizeilichen Repression entgegen zu stellen.

Polizeigewalt trifft auf Gegengewalt

Dabei war diese fast genauso furchterregend wie nach dem Sturz Allendes: Simulierte Hinrichtungen, Vergewaltigung mit dem Schlagstock, von militarisierten Polizisten erschossene und überfahrene Demonstranten.

Doch dieses Mal hatte die Gewalt des Staatsapparates eine ernstzunehmende Gegengewalt erzeugt. Schon zu Beginn der monatelangen Demonstrationen am Plaza Italia, von der Bewegung in Plaza de la Dignidad (Platz der Würde) umgetauft, formierte sich die mittlerweile berühmt-berüchtigte primera linea.

Diese “erste Reihe” sieht ihren Zweck darin, die Polizei zumindest für einige Stunden mit brennenden Barrikaden, Zwillen, Steinwürfen und anderen Manövern in Schach zu halten. Der Schauplatz der Straßenkämpfe lag meist direkt vor meiner Haustür. Das sah dann oft so aus:

Freitags waren die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden am Plaza Italia für gewöhnlich besonders heftig. Am 13. März gab es die vorerst letzte große Straßenschlacht vor der Corona-Ausgangssperre.

So konnten friedliche, teils karnevaleske Kundgebungen mit Theater, Musik und Straßenkunst 100 Meter weiter davor bewahrt werden, schon im Keim durch Wasserwerfer, Tränengasorgien und im Laufe der Zeit immer aggressiveres Pfefferspray erstickt zu werden. Selbst Gummigeschosse mit Metallkern und Schrotkugeln konnten die primera linea nicht davon abhalten, sich den Carabineros in den Weg zu stellen.

Dass für ihren Kampf gegen die Staatsmacht ganze Straßenkreuzungen auseinander genommen wurden, missfällt auch Chilenen, die den Protesten eigentlich wohlgesonnen gegenüberstehen. In diesen Tagen wird der aufgerissene Asphalt im Zentrum neu geteert, die zahlreichen ACAB-Graffitis an den Hauswänden nach und nach überpinselt. Corona macht’s möglich.

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